Marktschreier und Augustinerschüler

200 Chorsänger präsentieren Carmina Burana in Friedberg

   Friedberg. Carmina Burana von Carl Orff - ein Werk, das seit seiner Uraufführung im Jahre 1937 dauerhaft eine intensive Faszination auf die Zuhörerschaft ausübt; ein Werk, das mit seinen heißen Rhythmen (und heißen Texten) die Grenzen zwischen E- und U-Musik sprengt; ein Werk, das zwischen strengen Formen, Gregorianik und archaischen Klängen wechselt. Weit über 200 Mitwirkende
waren kürzlich bei zwei Aufführungen in der voll besetzten Friedberger Heilig-Geist-Kirche beteiligt: der von Gila Goltz und Arie Hordijk einstudierte große Chor des Augustinergymnasiums, die Dekanatskantorei Friedberg, Jugendkantorei und Jugendchor Friedberg, ein Schlagwerkensemble, die beiden Pianisten Rüdiger Klein und Georg Klemp sowie die drei international erfahrenen Gesangssolisten Thomas Scharr, Alexandra Lubchansky und Thomas Jakobs unter der Gesamtleitung von Dekanatskantor Ulrich Seeger.
Die Handschrift mit lateinischen, altfranzösischen und mittelhochdeutschen, weltlichen und geistlichen Liedtexten aus dem 12. Jahrhundert war Anfang des 19. Jahrhunderts irn Kloster Benediktbeuren (daher der Name »Burana«) entdeckt worden und 1847 im Druck erschienen. Carl Orff wiederum entdeckte diese Sammlung im Jahre 1934 und machte sich sogleich daran, ein Gesamtkunstwerk zu komponieren. Die von Orff ausgewählten Texte erscheinen recht unklösterlich und unchristlich, aber dennoch faszinierend mit schwelgenden und archaischen Frühlings-, unkultivierten Sauf-, höfischen Liebes- und ekstatischen Erotikliedern sowie als Einstieg und Ausklang mit dem allseits bekannten fatalistisehen »O Fortuna!« - das Schicksal als Herrscherin der Welt.
Den    Auftakt des Abends bildeten  »Songs and Cries of LondonTown«, ein fünfsätziges Stimmungsbild, eine pfiffige Liebeserklärung an London, komponiert von dem zeitgenössischen englischen   Komponisten Bob Chilcott, einem langjährigen Sänger der King's Singers.

Das auf alten Texten beruhende Werk simuliert einen Markt mit Marktschreiern, beschreibt ein romantisches Bild der Themse und den majestätischen Glanz der Stadt, besingt die Kirchengloeken mit Nonsens-Reim-Assoziationen zu den Namen Londoner Kirchen (was natürlieh nur im englischen Wortlaut verständlich wird).

Eine schwierige Aufgabe

Es war eine schwierige Aufgabe, die beiden Pianisten, die Schlagzeuger und die über die ganze Kirchenbreite verteilten und tief nach hinten und oben gestaffelten Chöre rhythmiseh und klanglich zusammenzuhalten. Aber dem hoch konzentrierten und Begeisterung vennittelnden Kantor Seeger gelang das glänzend, weil auch alle mitwirkenden Sänger und Instrumentalisten aufmerksam
und.engagiert mitzogen.

Die beiden Pianisten und die Percussionisten hatten tänzerisch-stolpernde Rhythmen und diffizile Textwechsel mit hochvirtuosen Passagen in höchster Präzision aufeinander und mit den Chören abzustimmen, was ihnen eindrucksvoll gelang.

 Der Tenor Thomas Jacobs hatte nur ein einziges Lied zu singen; aber sein Klagelied des gebratenen Schwans, der von seinen idyllischen Seen träumt und nur noeh gefräßige Mäuler vor sich sieht, war so übertrieben herzzerreißend vorgetragen, dass ihm abschließende Beifallsstürme gewiss ware:n.
Der Bariton Scharr mit seinem großen Tonumfang, der vor allem als Abt der Säufergemeinde, aber auch als sehnsüchtig Liebender ausdrucksstarke Meisterleistungen präsentierte, und die Sopranistin Alexandra Lubchansky, die mit ihrer klaren Stimme höehste Tonlagen virtuos und einfühlsam zu meistern hatte, bekamen ebenfalls ihren lang anhaltendenden und wohlverdienten Beifall - wie auch das Gesamtensemble, das sich als Zugabe mit der Wiederholung des Lieds der Freude (»Tempus est jocundum«) bedankte, jeweils dirigiert von den beiden Augustiner-Musiklehrkräften Gila Goltz und Arie Hordijk.                                  
                                                                                                                                                                                                             Dr. Siegfried Preiser

                                                                                                                                                                       ( Wetterauer Zeitung vom 13. 7. 2013 )