Klangpracht und Verkündigung
 Dekanatskantorei Friedberg und Barockensemble Cantate Domino geben Passionskonzert auf hohem Niveau

Friedberg. Ein besonderes Konzerterlebnis bescherten die Dekanatskantorei Friedberg und das Baroekensemble Cantate Domino unter der Leitung von Kantor Ulrich Seeger einem tief beeindruckten und dankbaren Publikum. Unter dem Programmtitel  »Musik zur Passion« erklangen in der Friedberger Heilig-Geist-Kirche Psalmvertonungen, Evangelienmotetten  und  Instrumentalwerke aus Renaissance, Barock und Moderne. Außerordentlich überraschend war dabei in der Programmgestaltung die von Kantor Seege  gewählte große stilistische Bandbreite der Literatur.
  
Zur Eröffnung erklang eine Villanella für drei Posaunen von Jakob Regnart, Mitglied der Hofkapelle Kaiser Maximilians II. Eine überaus gelungene Einstimmung auf die folgenden Vokalwerke. Melchior Francks Vertonungen von »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid« und »·Also hat Gott die Welt geliebt« zeigten die Dekanatskantorei ausgezeichnet vorbereitet. Dabei unterstützen die Streicher und Bläser der alten Musizierpraxis folgend die Sängerinnen und Sänger. Besonders beeindruckend dabei die rhytmische Genauigkeit. stets bildeten Chor und Instrunientalisten auch bei Taktwechseln eine homogene Klangeinheit.

Aus der Feder von Giovanni Gabrieli, des Großmeisters der venezianischen Mehrchörigkeit, stammt »O Domine Jesu Christe«, die Vertonung eines Passionsgebets, das Papst Gregor zugeschrieben   wird. Besonders die Klangfarbendifferenzierung in der Besetzung der beiden Chöre schufen im Tutti und in den wechselnden Abschnitten beeindruckende Momente des Mitfühlens und der von Gabrieli wohl beabsichtigten Raumwirkung; wunderbar gelungen dazu die Verteilung der Instrumentalisten. Das Werk gab der sehr gut disponierten Kantorei Gelegenheit, durch schön ausgesungene Vokale und durchdachte dynamische Differenzierung ihr Klangpotential eindrucksvoll unter Beweis zu stellen.

Kantor Seeger ließ auf den Altmeister Gabrieli dessen Schüler Heinrich Schütz folgen. Aus seiner Sammlung »Geistliche Chormusik« von 1648 erklangen die beiden Motetten »Die mit Tränen säen« und »Ich bin ein rechter Weinstock«.

Musikalische Kontraste

Nach der ersten Phase des Konzerts, der Musik der Renaissance und des Barock gewidmet, setzte Kantor Seeger einen scharfen Kontrast. Sigfried Strohbach, 1929 geborener Komponist und Dirigent, schrieb 1957 den Zyklus »Sechs Evangelienmotetten«. Aus dieser Reihe sang die Kantorei »Jesus, der Retter im Seesturm« und »Jesus und Martha«, beide Werke a cappella. Teehnisch anspruehsvoll,  forderten beide Chorsätze die Kantorei sehr. Sowohl intonatorisch als auch stimmtechnisch und rhythmiseh mussten die Sängerinnen und Sänger an ihre Grenzen gehen. Besonders die gesangliche Umsetzung des Seesturms in drängenden Tonketten oder die plötzlich eintretende Stille in dissonanten Akkordblöcken gelang ebenso in außergewöhnlicher Eindringlichkeit wie die Jesusworte zu Martha in faszinierenden Klangkombinationen.

Einen Höhepunkt des Konzerts bildete »Das Wort vom Kreuz«  von Rolf Schweizer. Die Epistelmotette stellte sicherlich eine große Herausforderung für die Dekanatskantorei dar. Geschmeidig und
rhythmiseh absolut sicher wurden lange Melismen gesungen, herbe Dissonanzen mit beeindruckender Intonationssicherheit bewältigt und damit sehr ausdrucksstark die Textaussage gedeutet.

Dem Prinzip des musikalischen Kontrastes treu bleibend, folgten nach einem Ricercare von Palestrina und einem Choral von Johann Crüger jeweils für drei Posaunen zwei »Vater unser«-Vertonungen, die in ihrer Umsetzung nicht untersehiedlicher sein können und eine faszinierende Spannung entwickelten. Nach der Vertonung von Jakobus Gallus, einem Meister des 16. Jahrhunderts folgte eine zeitgenössische Umsetzung des Gebetstextes von 1969 aus der Feder von Wolfgang Stockmeier, einem deutschen Komponisten, Organisten und Hochsehullehrer:

Die Männerstimmen begannen, die anderen Stimmen folgten nacheinander den Anfang des Gebets zu sprechen. Die vielen Stimmen steigerten sich zu einer archaischen Klangfläche, die plötzlich  abbrach. Clusterartig psalmodierend gesungen entwickeln sich die Bitten des Gebets zu einem donnernden Crescendo, um dann unvermittelt abbrechend mit einem Amen zu enden. Worte können die tiefe Wirkung der Aufführung schleeht verdeutlichen. Man muss dieses »Vater unser« gehört haben, um den tiefen Eindruck dieser elementaren Gebetsäußerung zu empfinden.

Für den Ausklang des Konzertes hatte Seeger ein weiteres Werk aus der »Geistlichen Chormusik« ausgewählt: »Verleih uns Frieden«. Im Dreißigjährigen Krieg komponiert, hat dieses Werk nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Die Gewissheit, dass Gott alleine für uns streitet, uns also Güte und Gnade zusagt, macht die Motette so wertvoll.

Sowohl Kantorei als auch das Barockensemble Cantate Domino boten ein Konzert auf sehr hohem musikalischen Niveau.

                                                                                                                                                                                                                                             KIaus Rühl

                                                                                                                                                         ( Wetterauer Zeitung vom 19. 4. 2014 )