O Golgatha, Platz herber Schmerzen
 VokaIensemble beeindruckt mit selten gehörter Markuspassion von Reinhard Keiser

Friedberg (gk). Es waren zwei bewegende Stunden in der Burgkirche am Karfreitag: Das von Stadtkantor Ulrich Seeger geleitete Friedberger Vokalensemble  brachte -  gemeinsam mit dem Barockensemble »Cantate Domino« und vier ausgewiesenen Gesangssolisten - die um 1730 entstandene »Passion nach dem Evangelisten Markus« des heute weitgehend vergessenen Barockkomponisten Reinhard Keiser zur Aufführung. 1674 in Weißenfels geboren, starb Keiser 1739 in Hamburg, wo er 1728 - als Nachfolger Telemanns - das Kantorenamt am Dom übernahm und in seinen letzten zehn Lebensjahren überwiegend geistliche Werke komponierte (unter anderem neun Oratorien und zwanzig Kantaten). Begonnen hatte Keisers Karriere 1697 als Kapellmeister an der
Hamburger Gänsemarkt-Oper - dem ersten deutschsprachigen Opernhaus. In den nächsten etwa 25 Jahren komponierte er 69 Opern, von denen 53 in Hamburg uraufgeführt wurden.

Dass Keisers Markuspassion weit mehr als nur eine historische Rarität ist, bewies die Aufführung in der Burgkirche aufs Schönste. Bereits der zehn Jahre jüngere Johann Sebastian Bach erkannte Keisers Talent, stammt doch eine der beiden erhaltenen Handschriften der Passion aus seiner Feder. Ulrich Seeger gelang es, dieses nur für kleine Besetzung konzipierte Werk in seiner ganzen melodischen Vielfalt und Komplexität zum Klingen zu bringen. Die ungeheure Dramatik des karfreitäglichen Geschehens vom Garten Gethsemane bis zu Jesu Kreuzestod und Grablegung - sie wurde im kraftvollen Gesang des Vokalensembles mit Händen greifbar. Hier präsentiert sich ein Chor, der durch stirnmliche Wandlungsfähigkeit alle Gefühlslagen von tiefer Trauer bis zu nacktem Hass auszudrücken vermag und durch bestes Zusammenwirken der einzelnen Stimmen beeindruckt. Bei all dem ist das Barockensemble »Cantate Domino« viel mehr als nur Begleiter. Die beiden Violinen, Violen (sehr ungewöhnlich), das Violoncello undViolone (eine Art Bassgeige) sind, zusammen mit dem Continuo, nicht nur für die Ausmalung des musikalischen Hintergrunds verantwortlich. Sie führen vielmehr einen spannungsreichen Dialog mit dem  Chor.
20140418Markuspassion
Weit mehr als eine historische Rarität:
Stadtkantor Ulrich Seeger (l.) dirigiert die Markuspassion in der Burgkirche. ( Foto: gk)

Wenn dann noch vier ausgewiesene Solisten wie Kristina Schaum (Sopran), Arnon Zlotnik (Alt),Thomas Jakobs (Tenor/Evangelist) und Peter Maruhn (Bass/Jesus) mitwirken, ersteht vor dem Ohr des Hörers ein Klangkunstwerk, das mehr als einmal an Johann Sebastian Bach denken lässt. »Wenn ich einmal soll seheiden«: die von Bach aufgegriffene schlichte Choralmelodie wird von Keiser erstmals verwendet. Arnon Zlotnik, der sich nach kleinen anfängliehen Intonierungsschwierigkeiten »freigesungen«  hat, bringt die beiden Strophen erg;reifend zu Gehör.

Eine weitere kompositorische Neuerung Keisers besteht darin, dass er der vom basso continuo begleiteten Erzählung des Evangelisten die von allen Streichern begleiteten Jesus-Worte gegenüberstellt. Auch dadurch gewinnt das musikalische Geschehen an Farbigkeit, Lebendigkeit. Beide Solisten - Thomas Jakobs wie Peter Maruhn - begeistern durch präzise Intonation, wobei sich Jakobs seiner »Mammutaufgabe« als Evangelist in jedem Augenblick gewachsen zeigt. Beim Singen dieser Partie keine Monotonie aufkommen zu lassen, ist eine sängerische Herausforderung.

Schaums glockenheller Sopran erklingt bereits kurz nach Beginn (»Will dich die Angst betreten, so gehe hin zu beten, zu deinem heil'gen Gott«), um im weiterenVerlauf noch einigemale zu beglücken.

Kantor Ulrich Seeger, der mit der gelungenen Präsentation von Keisers Passion einen weiteren Erfolg verbuchen kann, übernahm als Tenor die Partien von Petrus  und Pilatus.

                                                                                                                                                         ( Wetterauer Zeitung vom 24. 4. 2014 )