Alte Dame, falsche Töne
 Erster "Markt in der Kirche" - Spenden für Orgelsanierung

Friedberg  (bar). Einen exklusiven Blick ins Innere der Stadtkirchenorgel konnten die Besucher des ersten »Marktes in der Kirche« am Wochenende werfen. Kirchenvorstandmitglied Ingrid Schäfer hatte den Markt mit Gleichgesinnten organisiert, um Spenden für die Sanierung der Orgel zu sammeln. Wer an einer der Orgelführungen mit Jutta Hahn und Benjamin Müller teilnahm, verstand schnell, warum das 1965 eingeweihte Instrument der Firma Bosch in Niestetal eine »Runderneuerung« dringend nötig hat. »Die Orgel ist das letzte Mal vor 25 Jahren gereinigt worden. Stellen sie sich mal vor, solange wischen sie keinen Staub«, sagte Jutta Hahn.

Eigentlich sind es ja vier Instrumente. »Die Fußpedalen und die drei Klaviaturen bedienen nur einen Teil der Orgel«, erklärte die Organistin. Dass das Instrument nur funktioniert, wenn Luft hineingeblasen wird, weiß jeder. Wie das genau funktioniert und warum die 44 Register für ganz unterschiedliche Klänge sorgen, demonstrierte Müller. Dabei zeigten die beiden Organisten auch, dass einige Pfeifen nicht mehr funktionieren. Selbst der Laie erkannte mehrmals falsche 'I'öne. Auch äußerlich sind Alterserscheinungen erkennbar. An einigen der 4,80 Meter großen Pfeifen sind deutliche Dellen zu sehen. »Das ist halt eine alte Dame«, meinte Jutta Hahn. Nicht schlecht staunten die Besucher über die vielen verborgenen Pfeifen, darunter auch etliche aus Holz.

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So viele Pfeifen! Die Besucher staunen, während die Organisten Jutta Hahn (2. v. l.) und Benjamin Müller (r.) über die sanierungsbedürftige Orgel informieren
und auch falsche Töne spielen. Stephanie van der Linden arbeitet derweil am Spinnrad (Fotos: saf/lod)
                                                     
»Heute können Sie.etwas sehen, was Sie sonst nie zu Gesicht bekommen«, sagte Hahn. Vorsichtig steigen die Besucher die schmale Treppe hinter der Orgel hoch, um einen Blick ins Innenleben zu werfen. Alle Pfeifen müssen bei einer Reinigung und Wartung ausgebaut werden. Auch in der Orgeltechnik gibt es etliche Baustellen. Mit der gut 20 000 Euro teuren Reinigung der Pfeifen alleine sei es nicht getan, sagten Hahn und Müller. »Je nachdem, was gemacht wird und was für Überraschungen noch kommen, rechnen wir mit 150 000 bis 300 000 Euro.

«Zwei ungefähr gleichaltrige Schwesten-Orgeln in Marburg und Kassel wurden abgerissen. Doch davon hält man in Friedberg nichts. »Durch eine gute Sanierung kann die Orgel noch mindestens 50 Jahre halten«, sind sich die beiden Organisten sicher. Ein Orgelneubau wäre viel teurer: »Mit 750 000 Euro muss man da schon rechnen«, so Hahn.

Neubau käme teurer

Nun wird also fleißig gesammelt, und dazu diente auch der Markt. »Wir haben gut verkauft«, freute sich Schäfer am Sonntagnachmittag. BunteVogelhäuschen, die Küster Lothar Steinacker gebastelt hatte, fanden ebenso Abnehmer wie hausgemachte Marmelade und handgestrickte Wollsachen. Kantorei-Mitglied Sabine Wagner hatte einen Flohmarkt mit mehreren 100 CDs aufgebaut, Tina Ohl bot aufwendig gestaltete Grußkarten an und neben dem Stand mit Wollsachen saß Stephanie van der Linden und arbeitet am Goldwin-Spinnrad. »Davon gibt es in Europa nur zwei«, sagt die Lektorin, Ubersetzerin und Autorin von Handarbeitsbüchern. Immer wieder erklang die Orgel während der Markttage. »Das lockt Besucher an«, freute sich Schäfer. Am Sonntag wurde das Orgel- Hörspiel »Die fürchterlichen Fünf«, komponiert von Michael Benedikt Bender nach dem Bilderbuch von Wolfgang Erlbruch, zweimal aufgeführt.Viele Kinder und Erwachsen verfolgten die Aufführungen mit Nilani Stegen (Orgel) und Uwe Krause (Sprecher).

Wer die Sanierung der Orgel unterstützen will, kann Geld spenden auf das Konto 242019210, Sparkasse Wetterau (BLZ 518 500 79),IBAN DE88 5185 0079 0242 0192 10. Bei Angabe der Adresse wird eine Spendenbescheinigung ausgestellt.

                                                                                                                     

                                                                                                                                                         ( Wetterauer Zeitung vom 25. 9. 2014 )