Ein historisches Ereignis
 Dekanatskantorei und Junge Philharmonie beeindrucken mit Aufführung des Paulus-Oratoriums

Friedberg (gk). Minutenlanger heftiger Applaus steht am Ende einer Darbietung in der evangelisehen Stadtkirche, die ein großes Ereignis in der Geschichte in der Friedberger Kirchenmusik war. Stadtkantor Ulrich Seeger hatte sich der Herausforderung gestellt, mit einem 70-köpfigen Chor, 40 Instrumentalisten und vier Solisten das 1836 in Düsseldorf uraufgeführte Oratorium »Paulus« des
27-jährigen Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-47) auf die Bühne zu bringen. Er und alle Mitwirkenden haben diese Prüfung glänzend bestanden und mit den beiden zweieinhalbstündigen Aufführungen in der katholischen Heilig-Geist-Kirche und der Stadtkirche am vergangenen Wochenende die Herzen der Zuhörer bewegt.

Als 20-Jähriger hatte Mendelssohn, dessen Familie zum Christentum konvertiert war, in Berlin Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion aufgeführt, nachdem diese seit Bachs Tod 1750 weitgehender Vergessenheit anheimgefallen war. Mit dieser Aufführung und der seines eigenen »Paulus«-Oratoriums sieben Jahre danach darf MendeIssohn-Bartholdy als Wiederentdecker und Neubegründer des Oratoriums gelten. Bereits in den ersten achtzehn Monaten nach der Uraufführung wurde der »PauIus« über fünfzigmal gespielt. Mit der Gestalt des vom Saulus zum Paulus bekehrten Missionars eflektiert der junge Komponist aueh seine eigene Herkunft aus dem Judentum.

Das geistliche Riesenwerk besteht aus zwei Teilen mit 45 Nummern. Dass der Komponist bewusst auf den Spuren Bachs wandelt, zeigen nicht zuletzt die fünf ins Oratorium aufgenommenen Choräle - gegen den Widerstand seines Librettisten. Ulrich Seeger und sein Klangkörper vermitteln dem Hörer bereits in der Ouvertüre den Zauber des Werks. Sie setzt mit dem bekannten Choral »Wachet auf, ruft uns die Stimme« ein. Kaum hörbar beginnt die Melodie in den tiefen Instrumenten. Dann stoßen die hohen dazu, das Tempo steigert sich. Eine sich anschließende Fuge gemahnt an dasVorbild Bach. Leitmotivisch
wiederholt sich das Anfangsmotiv. Mendelssohns stark gemütsbezogener, gefühlsbetonter Klang wird in der Stadtkirche aufs Beste zur Geltung gebracht - von Chor und Orchester gleichermaßen.

20142311HeikeHeilmann
20141123ThomasJakobs
Sopranistin Heike Heilmann und Tenor Thomas Jakobs sorgen für Gänsehautmomente in der Friedberger Stadtkirche. ( Fotos: Michael Erbe)

Der Tenor Thomas Jakobs tritt als Stephanus auf, der laut Apostelgeschichte als erster Christ das Martyrium erlitt. Er wirft den umstehenden Juden ihre »Halsstarrigkeit« vor.Thomas Jakobs verleiht dem Stephanus eine reine, glockenhelle Stimme. Wütend hält der Chor - das Volk der Juden - dagegen: »Steiniget ihn!
«. Das Geschehen ist hochdramatisch. Chor und Orchester bringen diese Dramatik voll zum Ausdruck. Aber die brutale Szene endet mit einer wunderbar lyrischen Chorpartie: »Wir preisen selig, die erduldet haben. Denn ob der Leib gleich stirbt, wird die Seele doch leben.« Diese plötzlichen Stimmungswechsel sind charakteristisch für den »Paulus«.

Exzellente Orchesterleistung

Nach der Ansprache durch Jesus, dessen Part - ungewöhnlich genug - der Frauenchor übernimmt, erlebt Saulus seine Konversion bei Damaskus. Beglückend zu hören ist nun der Bass Thomas Scharr, der Paulus seine so nore Stimme verleiht. »Mache dich auf, werde Licht«: In einem großartigen crescendo mit brausendem Orgelklang (gespielt von Kiwon Lee) fordert der Chor Saulus zur Um kehr auf.

Sopranistin Heike Heilmann wird ihrem Part, der etwa dem des Evangelisten in Bachs Matthäus-Passion entspricht, voll gerecht. Ein Beispiel von vielen: Ein wunderbar-inniges Arioso (»Laßt uns singen von der Gnade des Herrn ewiglich!'«). Die Alt-Partie hat Mendelssohn faktisch nicht besetzt: Nur einmal tritt Katharina Padrok auf. Im zweiten Teil treten die vier Solisten erstmals als »Quartett« gemeinsam auf - beglückend zu hören. In diesem Oratorium mit zahlreichen Gipfelpunkten sind vielleicht Thomas Jakobs Kavatine (
»Sei getreu bis in den Tod!«) und Paulus (Thomas Scharr) Abschied von der Gemeinde in Ephesus die solistischen Highlights. Der triumphale Schlusschor endet mit Versen aus dem 103. Psalm (»Lobe den Herrn, meine Seele!«). Ohne das exzellent aufspie:lende  Orchester (herausragend die Bläser) wären die Leistungen der Solisten und des Chors in dieser Form nicht möglich gewesen.
                                                                                                                                                        
                                                                                                                                                                                         ( Wetterauer Zeitung vom 27. 11. 2014 )