In der Musik verbunden
 Eröffnungskonzert der Sommerkonzertreihe widmet sich dem »Herrengebet«

Friedberg  (gk). »Geheiligt werde dein Name.«  Das Vaterunser als einziges Gebet, das laut Neuem Testament Jesus von Nazaret selbst seine Jünger gelehrt hat, ist zweifellos das am weitesten verbreitete im Christentum. In der längeren Version nach Matthäus 6 ist es Teil der Bergpredigt und enthält sieben Bitten. EineVielzahl bekannter und heute - außer bei Kirchenmusikhistorikern -
vergessener Komponisten hat sich an diesem Grundtext des Glaubens abgearbeitet, sprich: ihn in Töne gesetzt. Außerst reizvoll ist es daher, diesen Vertonungen durch die Jahrhunderte nachzugehen. Dies war Thema des Eröffnungskonzerts der diesjährigen Friedberger Sommerkonzertreihe in der evangelischen Stadtkirche am vergangenen Sonntagabend. Kantor Ulrich Seeger und seine bewährte, etwa 50-köpfige Dekanatskantorei wurden unterstützt durch den Organisten und Stadtkantor Bad Nauheims, Frank Scheffler. Er fungierte nicht nur als Begleiter der vorgetragenen Motetten, sondern glänzte in drei Soloauftritten: überzeugendes Beispiel für das musikalisehe Zusammeriwirken zweier Städte, die manches trennen mag, aber doch viel mehr verbindet.

 »Dein Reich komme.
« Ulrich Seeger hatte einen weiten Bogen gespannt: Fast vier Jahrhunderte liegen zwischen dem ältesten vorgetragenen Werk des slowenischen Komponisten mit dem latinisierten Namen Jacobus Gallus aus der Zeit um 1580 und Wolfgang Stockmeiers 1969 erstmals aufgeführter Sprechmotette »Vater unser«. Der Gebetstext ist hier »zersplittert« in disparate, nicht
zusammengehörige Textfetzen, die vom Chor herausgeschrien werden - eine verzweifelte Beschwörung dessen, woran man scheinbar nicht mehr glauben kann. Doch dann wird aus dem Gegen- ein Miteinander: Im abschließenden, rühmenden Wort »Denn Dein ist das Reich« finden die Stimmen wieder zusammen.

20150719VaterUnser
Stadtkantor Ulrich Seeger dirigiert die Friedberger Dekanatskantorei.
An der Orgel ein Besucher aus der Nachbarstadt: Frank Scheffler.
   ( Foto: Kollmer )

Kantor Seeger vermochte es - stumm mitsingend - wieder einmal, »seine« Sängerinnen und Sänger selbst durch schwierigstes Gelände zu führen. Einige der Motetten, so gleich zu Beginn Johann Pachelbels »Tröste uns Gott, unser Heiland« nach Psalm 85, sind für zwei vierstimmige Chöre und Franz Liszts großartig dargebotenes Vaterunser für fünf- bis siebenstimmigen Chor und Orgel
gesetzt. Bei so viel Komplexität kommt es auf   genaues Zusammenwirken an; kleinste Unstimmigkeiten würden hörbar.

Begeisterter Zwischenablaus

»Dein Wille geschehe.
« Schwer vorstellbar, wie das Vaterunser aus dem dritten Teil von Heinrich Schütz' dem Kurfürsten von Sachsen gewidineten »Symphoniae sacrae« (1650) professioneller vorgetragen werden könnte. Man spürt förmlich, wie der 65-jährige Tonsetzer die Rückkehr des Friedens nach Jahrzehnten von Leid und Tod feiert, und ist überwältigt.

»Erlöse uns von dem Bösen.« Mit dem Westfälischen Frieden von 1648 ist eine der sieben Bitten des »Herrengebets« vorübergehend in Erfüllung gegangen.

Und dann Frank Scheffler. Johann S. Bachs G-Dur-Fantasie für Orgel wirkt wie eineVerdichtung zahlreicher Motive seiner Musik auf wenige Minuten.Wer dies so, brillant vorträgt wie Scheffler, muss erwarten, auch im sakralen Raum auf spontanen, begeisterten Zwischenapplaus zu stoßen.

»Unser tägliches Brot gib uns heute.
« Zwei Höhepunkte des Abends waren Felix Mendelssohns berühmte sechste Orgelsonate in d-moll über Luthers Choral »Vater unser im Himmelreich« und Johann S. Bachs abschließe:nd gesungene Motette »Der Geist hilft unserer Schwachheit auf«. Den ungeheuren Spannungsbogen von Mendelssohns Variationenwerk, beginnend mit dem Choral, weiter über das meditative Andante, das eruptive Allegro und die kunstvolle Fuge bis hin zum Finale ließ Scheffler meisterlich Gestalt werden.

»Und vergib uns unsere Schuld.« Auch in Bachs doppelchöriger Motette bilden zwei kunstvolle Fugen den Mittelpunkt. Das Konzert endet, wie es begann: mit einem souveränen Leiter, der bestens zusammenwirkenden Kantorei und dem glänzenden Organisten aus der Nachbarstadt. Nach Momenten der Stille brandet dankbarer Applaus auf - bevor die Hörer zum »Europafenster« eilten, um den Auftakt der Sommerkonzertreihe bei Sekt und Wein zu feiern.
  
                                                                                                                                                         ( Wetterauer Zeitung vom 23. 7. 2015 )