Jubelnd aus dem Chaos ins Paradies
 Ulrich Seeger präsentiert stimmgewaltige Aufführung von Haydns »Schöpfung«

Friedberg
  Zum zweiten Mal bestritten die Dekanatskantorei und der Jugendchor zusammen mit dem Augustinerchor und der Jungen Philharmonie Friedberg unter der Leitung von Ulrich Seeger ein großes klassisches Chorwerk. Mit Josef Haydns
»Schöpfung« standen in zwei Aufführungen am Samstag und Sonntag rund 180 Sängerinnen und Sänger im Chorraum der Heilig-Geist-Kirche. Stimmgewaltig und in der Leichtigkeit der Komposition begeisternd genossen die Zuhörer das populäre Oratorium, das schon bei seiner Uraufführung 1798 in Wien umjubelt war.

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180 Sänger, Orchester und Solisten unter der Leitung von Ulrich Seeger erzählen in der Friedberger Heilig-Geist-Kirche von der Schöpfung der Welt  ( Foto: hms )

Haydns Komposition ist zwar ein religiöses Werk, aber ein weltzugewandtes.Das Jahrhundert der Aufklärung drückte ihm seinen Stempel auf. Mit dem Text von Baron van Swieten, dem ein Gedicht aus England zugrunde liegt, wandelt sich in den Erzählungen der drei Erzengel das Chaos ins Paradies. Der dritte Teil ist ganz der Krönung der Schöpfung, dem Menschen, gewidmet. Diese Passagen sind den Solisten vorbehalten, während die Chöre in Jubel und Lob frohlocken. Das überzeugend spielende Orchester aus erfahrenen Musikerinnen und Musikern bereitete die Stimmungen vor und begleitete
sie tutti oder solistisch hervorragend, ob es nun um das Dunkel im Chaos, die schäumenden Wellen oder das Brüllen des Löwen (historisches Kontrafagott) ging. Mit naturwissenschaftlicher Exaktheit werden die Ereignisse ünd Geschöpfe der Natur vorgestellt, mit stimmlicher Brillanz wurden sie solistisch interpretiert von Heike Heilmann, Sopran, Tobias Hunger,Tenor,und Thomas Scharr, Bariton. Dabei eroberte der frühere Kruzianer Hunger mit leuchtenden, erzählenden Augen und mitreißendem Ausdruck das Publikum vom ersten Moment an. In feinster Artikulation und Lautmalerei berühte der Bariton Scharr die Gemüter mit zahlreichen gefühlvollen Passagen, etwa als er die »Sonne strahlend aufgehen« und den »sanften Schimmer des Mondes durch die stille Nacht schleichen« lässt. Mit ihrem makellosen klaren Sopran auch in den mühelosen Koloraturen setzte Heike Heilmann stimmliche Akzente. Den Blick aus den Noten und ein Lächeln wagte sie jedoch erst gegen Ende im lieblichen Duett
mit Adam

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Stimmlich ausgewogen und sehr harmonisch fügen sich die Solisten zusammen
(v. l.): Heike Heilmann (Sopran), Tobias Hunger (Tenor), Thomas Scharr (Bariton)
.
Im Schlusschor kam zum Quartett Jutta Hahn als Chorsolistin dazu. Ulrich Seeger führte Chor und Orchester mit straffen, schnörkellosen Angaben und ermöglichte eine feine Dynamik vom leicht schwebenden Pianissimo bis zum donnernden Fortissimo in den den Schöpfer verherrlichenden Chören. Diese Überzahl an Sängerinnen und Sängern hatte Haydn zwar nicht geplant und sie förderte auch nicht die Textverständlichkeit, aber Einsätze, Intonation und Dynamik bewältigte der Riesenchor großartig. Das mag auch auf die Vorarbeit von Gila Goltz zurückzuführen sein, die das Werk mit dem
Augustinerchor präzise einstudierte und als Zugabe selbst einen Chorteil dirigierte.In der Choraufstellung gut durchgemischt gaben die erfahrenen Kantoreisänger den jungen Mitwirkenden Halt und Sicherheit

Vielversprechend ist das Projekt im Hinblick auf den Chornachwuchs in klassischen Chören und die Begeisterung für kirchliche Werke. Der tosende Applaus bei der Aufführung am Samstag, von der hier berichtet wurde, und sicher auch am Sonntag, dürfte eine Freude für alle Beteiligten gewesen sein.
                                                                                                                                                                                                                                             Hanna von Prosch


                                                                                                                                                                                ( Wetterauer Zeitung vom 15. 7. 2016 )