Friedberger Sommerkonzerte 2013
 
Alles kreist um Bach
WZ vom 18. 7. 2013
Unerhörte Klänge in der Stadtkirche
WZ vom   8. 8. 2013
Musik in der Reichsstedt Friedberg
WZ vom 14. 8. 2013

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Alles kreist um Bach

Erstes Sommer-Orgelkonzert in der Friedberger Stadtkirche

Friedberg.     Die Komponisten heißen Buxtehude, Tunder, Bruhns, Reger und Karg-Elert. Sie decken Orgelkompositionen vom 17. bis ins 20. Jahrhundert ab. In irgendeiner Form aber kreisen sie alle um Johann Sebastian Bach, dessen gewaltige Passacaglia c-Moll im Mittelpunkt des Sommerkonzertes stand. Kantor Ulrich Seeger bot im kühlen Dunkel der Stadtkirche den Sommergästen ein spannungsreiches Programrn.

Kantor Orgelsommer 2013
Ulrich Seeger spielt Werke vom 17. bis 20. Jahrhundert     ( Foto: hms )

1705 war der 20-jährige Bach Fuß von Arnstadt nach Lübeck gelaufen, um von Dietrich Buxtehude zu lernen. Vielleicht hat auch ihm damals die Leichtigkeit des Präludiums D-Dur seines Kollegen an der Marienkirche imponiert, wie sie Ulrich Seeger zu Beginn des Orgelkonzertes präsentierte. Franz Tunder, Vorgänger und Schwiegervater Buxtehudes, gilt als einer der großen Vertreter der Norddeutschen Orgelschule. Seine großangelegte Choralfantasie über »Komm Heiliger Geist, Herre Gott« bot dem Organisten Gelegenheit, Raum und Tempo in die Interpretation einzubeziehen Triller-Verzierungen und Echo-Effekte belebten das Werk. Von dem großen Orgelvirtuosen aus Husum, Nicolaus Bruhns, sagt man, dass er nebenbei auch Geige spielte. In seinem Präludium e-Moll zog Seeger alle Register und offenbarte ein variantenreiches Klangspektrum. Chromatik und rezitativische Reinheit, reizvolle solistische Läufe prägen das Werk; ein offener, tönerner Klang blieb im Raum stehen. Bei Bach's großer Passacaglia in seiner streng festgelegten Form hatte Seeger hingegen kaurn gestalterische  Freiheit. Das Bass-Thema mit seinen 20 Variationen und die Fuge arbeitete er transparent heraus, schaffte geordnete Klarheit und ließ 13 Minuten lang Bach in seiner ganzen Eindeutigkeit erklingen.

Den Katholiken Max Reger verband mit seinem großen Vorbild Bach die Affinität zu protes tantischen Chorälen. Er entdeckte die barocken Gattungen wieder, was die Toccata d-Moll und die Fuge D-Dur deutlich zeigen.Aufwühlend beginnt die Toccata, aus düsteren Farben gründet sich die Fuge, um sich in romantische Fülle hineinzusteigern. Mit dem Symphonischen Choral »Jesu meine Freude« des Reger-Zeitgenossen Sigfried Karg-Elert setzte Seeger ein vielschichtiges, immer wieder überaschendes Werk an den Schluss. Häufig sind »B-A-C-H·«-Motive eingearbeitet. Mit den Textteilen des Chorals entsteht eine Art Programmmusik, die in ihrer Klangsprache Freude, Trotz oder Schmerz betont.

Seeger war im Pedal gefordert, was immer wieder zu einer interessanten Klangmodulation führte. Starke Kolorierung, Echoeffekte, geheimnisvolle Stimmungen und der sich in Schwellungen ergehende Majestoso-Choral mit dem langen Schlussakkord kennzeichneten ein außergewöhnliches Werk der deutschen Orgelromantik.

Mit diesem und den weiteren drei Konzerten im Sommerprogramm ziehen Seeger und die Gemeinde sprichwörtlich alle Register für die Sanierung der Stadtkirchenorgel.
                                                                                                                                                                                                                                          Hanna Meid
                                                                                                                                                              ( Wetterauer Zeitung vom 18. 7. 2013 )

                                                                                                                                                                                                ( Seitenanfang )


Unerhörte Klänge in der Stadtkirche
Ein spannungsgeladenes Zwiegespräch von Orgel und Schlagwerk

Friedberg (gk). Orgel und Schlagwerk - lassen sich gegensätzlichere Instrumente vorstellen als diese beiden? Wohl kaum. Aber das heißt noch lange nicht, dass sie in keinen fruchtbaren, konstruktiven Dialog treten können. Ulrich Weissert, seit zwanzig Jahren. Organist an der Klosterkirche Alpirsbach im Schwarzwald und künstlerischer Leiter der »Alpirsbacher Kreuzgangkonzerte«, sowie Albrecht  Volz, Paukist in verschiedenen Ensembles und gefragter Musikpädagoge: Sie beide waren am Sonntagabend in der Stadtkirche im Rahmen der Friedberger Sommerkonzerte zu hören und zu bestaunen.   Ihr knapp zweistündiges Konzert für Vibrafon, Orgel und Schlagwerk trug den Titel »Suite de danse et Boléro«. Das Vibrafon, auch Metallofon genannt, ist ein Anfang der 1920er Jahre in Nordamerika ntwickeltes Metallstabspiel, das vor allem in der Jazzmusik Karriere machte. Es wird mit weichen Schlegeln (oft zwei in einer Hand) geschlagen und zeichnet sich durch weichen  Klang mit langem Nachhall aus.

Orgel und Schlagwerk
Eine ungewöhnliche Kombination, die sich prächtig ergänzt:
Albrecht Volz am Vibrafon und Ulrich Weissert an der Orgel.    ( Foto: pv )    

Bereits in Bachs fünfsätziger Ouvertüre Nr.2 in h-Moll für Flöte und Orgel ( mit der oft gehörten Melodie der abschließenden »Badinerie« ) konnte Albrecht Volz die erstaunliche Klangvielfalt dieses dreioktavigen Instruments, das hier an die Stelle der Flöte im Original trat, demonstrieren. Don Luys de Milan lebte in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und wirkte unter anderem am Hof König Joaos III. von Portugal. Seine Sammlung mit Werken für die Viuhela ( eine spanisehe.Lauten-Variante ) von 1535 ist eine der ersten ihrer Art. In der Stadtkirche war seine, ursprünglich für Viuhela geschriebene, feierlich-gravitätische »Pavane« am Vibrafon zu hören - ebenso wie der folgende Tanz aus dem 16. Jahrhundert. Es ist erstaunlich, wie sehr das nicht leicht zu spielendeVibrafon so verschiedene andere Instrumente wie Flöte und Laute mehr als nur zu imitieren vermag.


Der 1984.gestorbene Pierre Cochereau war eine Ausnahmegestalt in seiner Zunft. Er gilt als einer der bedeutendsten Organisten und Improvisatoren auf dem Gebiet der modernen Orgelmusik. Als letztes Stück vor der Pause spielten Volz und Weissert seinen »Boléro« - ein von fern an Ravels berühmten Boléro erinnerndes Stück, das, sich von Minute zu Minute steigernd, fast apokalyptisch endet.Der Part des Schlagzeugs geht immer mehr in einen beklemmenden Marschtritt über. Hier war er unüberhörbar - der »Kampf«, aber auch die Ergänzung zweier so verschiedener Klangkörper.

Auch im zweiten Teil des Konzerts war Cochereau noch einmal - mit seiner dreisätzigen »Suite de danse« aus dem Jahr 1974 - zu hören.Von dieser Improvisation für Orgel und Schlagzeug existiert nur eine Mitschrift. Sie lässt den Interpreten ebenfalls Raum zu freier Interpretation, den die beiden Künstler in der Stadtkirche gekonnt zu nutzen verstanden.

Das abschließende Werk »In memoriam« für Orgel und Schlagzeug des 2002 gestorbenen Berthold Hummel war der absolute Höhepunkt eines außergewöhnlichen Abends in der Stadtkirche. Nach dem von tiefer Trauer um einen verstorbenen Freund bestimmten ersten Satz - der »Invokation« ( Anrufung Gottes ) - wird in der folgenden »Toccata« alles, aber auch alles aufgeboten, um einer überbordenden Lebensfreude ( »Hurra, wir leben noch!« ) Ausdruck zu verleihen. Vibrafon, Tam-tam,  Becken, Bongos, Gong und Tomtoms: Dieses auf der Orgelempore postierte gewaltige Schlaginstrumentarium tritt mit der Orgel in einen brillanten, so kontrastiven wie intensiven, durch ständigen Rhythmus- und Tempowechsel geprägten Dialog. Auch hier sind die Interpreten ( der ursprünglichen Bedeutung einer »Toccata« gemäß ) nur bedingt an eine vorgegebene Partitur gebunden. Und so konnten Volz und  Weissert noch einmal aufs Glänzendste zeigen, dass sie weit mehr als »nur« reproduzierende.Musiker sind. Lang anhaltender Applaus wurde mit einer kleinen Bach-Bearbeitung fürVibrafon belohnt

                                                                                                                                                                      ( Wetterauer Zeitung vo 8. 8. 2013 ).

                                                                                                                                                                                                  ( Seitenanfang )



Als dem Kantor die Noten fehlten
In der Stadtkirche erklingen Konzerte und Motetten aus Friedberger Musikarchiven

Friedberg (gk). Reichsstadt F'riedberg anno 1558: Stadtkantor Johann Gottfried Neumeister deckt sich beim Schultheiß von Dorheim mit Noten für den sonntäglichen Gottesdienst ein, weil ihm seine eigenen abhanden gekommen sind. Vor Kurzem ist die neue Orgel für die Stadtkirche fertig geworden. Der Orgelbauer hat bereits ein Drittel des ihm zustehenden Lohns vorab erhalten. Jetzt steht ihm  das zweite Drittel zu. Und wenn sich das neue Instrument bewährt, bekommt er in einem Jahr den Restlohn.

Diese und andere interessante Informationen über das Musikleben des 16. Jahrhunderts in der alten Reiehsstadt erhielt ein zahlreich erschienenes Publikum am vergangenen Sonntagabend vom Chor der   Stadtkirche von Arno Paduch, dem Leiter des von Kantor Ulrich Seeger eingeladenen Rosenmüller~Ensembles aus Leipzig. Gemeinsam mit dem von Seeger geleiteten Zwerenberger Vokalensemble präsentierte das sechsköpfige Ensemble überwiegend geistliche Konzerte und Motetten der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die zum größten Teil auch im damaligen Friedberg erklungen sein dürften  - eine wirklich originelle Idee.

Rosenmüller-Ensemble und Zwerenberger Vokalensemble
Musizieren gemeinsam in der Stadtkirche: das Zwerenberger Vokalensemble
unter der Leitung von Ulrich Seeger und das Rosenmüller-Ensemble aus Leipzig.     ( Foto: Kollmer )

Gleich siebenmal vertreten war der um 1611 im böhmischen Brüx geborene Andreas Hammerschmidt mit Werken aus seinen »Musicalischen Andachten« und den »Musicalischen Gesprächen«, die 1655 in Dresden gedruckt wurden. Stichwort »Gespräche«: Was den Abend zu einem wirklichen Erlebnis werden ließ, war die fast perfekte Harmonie zwischen dem Rosenmüller-Ensemble und Seegers siebenköpfigem Zwerenberger Vokalensemble. Nicht nur beim Hören von Hammerschmidts »Es ging ein Sämann aus zu säen« mit einem exzellenten Tenorsolo von Thomas Jakobs wurde deutlich, wie sehr diese Musik auf der Schwelle zwischen später Renaissance und Frühbarock dialogischen Charakter hat. Alle, Instrumentalisten wie Sänger, waren eingebunden in ein größeres Ganzes. Dies galt auch für solistische Auftritte wie Anette Sichelschmidts souverän interpretierte, feierlich-getragene »Sonata per Violino« von Antonio Bertali. Jedes Instrurnent, jede einzelne Stimme blieb deutlich hörbar, blieb präsent im feingesponnenen polyphonischen Kosmos. Die Verwendung originalgetreuer Nachbauten historischer Instrumente, wie das von Paduch gespielte »Zink« oder »Cornet« ( ein Blasinstrument mit leicht trompetenartigem Klang ), das von Dennis Götte gespielte »Chitarrone« ( größter Vertreter der Lauteninstrumente mit bis zu zwei Metern langem Griffbett ) sowie die »viola da gamba« ( Ghislaine
Wauters), verlieh dem Konzert die nötige Authentizität.

Auch ein Vertreter der Bach-Familie, der 1648 geborene Johann Michael ( Vater von Johann Sebastians erster Frau ), war mit gleich drei Werken - darunter zwei  Choralvorspiele für Orgelsolo 
( »traktiert« von Margit Schultheiß ) - vertreten.

Höhepunkt des musikalischen Zwiegesprächs zweier Klangkörper auf gleicher Augenhöhe waren zwei Stücke aus dem ersten Teil der »Symphoniae sacrae« von Heinrich Schütz, die 1629 in Venedig erschienen. Sie sind die Frucht seines zweiten Aufenthalts in der Lagunenstadt, wo er die größten Tonsetzer ihrer Zeit, Monteverdi und Gabrieli, kennenlernte, um von ihnen zu lernen. »Anima mea liquefacta est« - »Ach, meine Seele schmilzt in Wonne hin«:  Diese und eine weitere Vertonung von Textpassagen des alttestamentlichen  »Hohenlieds« ließen den Hörer, überwältigt von der »Fülle des   Wohllauts«, dahinschmelzen. Zum großartigen Eindruck von »Anima mea« trugen nicht unwesentlich die beiden Tenöre Ulrich Seeger und Thomas Jakobs bei.  Eine  den  »Engelsbürgern«  gewidmete Motette Hans Leo Hasslers  (geb. 1562 ), noch ganz aus dem polyphonischen Geist der Renaissance, stand am Ende dieses mit minutenlangem Beifall gefeierten Konzerts im Rahmen der Sommerkonzerte.

                                                                                                                                            ( Wetterauer Zeitung vom 14. 8. 2013 )

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